"Cree usted en Dios?"("Glauben Sie an Gott"?) fragte mich letzte Woche eine Latina in der Badner-Bahn. Auf mein verblüfftes "Nein" antwortete sie und eine 2. Latina, die neben mir saß, mit einer engelsgleichen Stimme: "Ja aber warum denn nicht?"Da sie schon aussteigen mussten gab es nicht mehr viel Zeit für die Beantwortung ihrer Frage uns so streckten Sie mir ein Paket religiöser Schriften hin, aus denen ich mir eine aussuchen durfte. Ich wählte vor allem wegen des schönen Fotos darauf ein Heftchen mit "Hoffnung für die Zukunft". Rasch, bevor sich die Tür der Straßenbahn schloss, luden sie mich noch ein, am nächsten Tag zur Versammlung ihrer Freien Evangelischen Kirche zu kommen. Zum Glück musste ich nicht einmal lügen, dass ich keine Zeit hätte, denn der Besuch auf dem Retzer Kürbisfest war schon schon seit langem geplant. Mein erster Blick beim Öffnen der Broschüre fiel auf ein Kapitel über die Homosexualität, wie unmöglich es wäre, damit glücklich zu sein, wo ja schon der Kinsey-Report gezeigt habe, dass so ein Homosexueller im Lauf seines Lebens auf 300-500 Partner käme, dadurch könne sich ja gar nicht die Sehnsucht nach menschlicher Geborgenheit erfüllen.
Zufälligerweise las ich gerade , als sich die beiden Latinas mit Ihren Kindern in meine Nähe setzten, in einem Buch über die Heteronormalisierung des Abendlandes, doch kann man vom Äußeren des Buches keineswegs auf seinen Inhalt schließen. Eine der beiden Latinas berührte unabsichtlich mit ihrer Tasche mein Buch und als sie sich entschuldigte , antwortete ich ihr auf Spanisch, dass nichts passiert wäre. (Deshalb auch später die Frage auf Spanisch, ob ich an Gott glaube). Während ich also in meinem Buch las, wie -grob dargestellt- der Westen die Homophobie des Orients betont und dabei die von christlichen Moralvorstellungen ausgehende und noch immer vorhandene Homophobie im Abendland unter den Teppich kehrt, unterhielten sich die beiden Latinas in ihrem sanften Akzent über peruanische Süßspeisen und das ungesunde Essen von McDonalds. Bis sie dann -im letzten Moment - kurz vor dem Aussteigen mit ihrer Frage: "Cree usted en dios?" zuschlugen. Dass die Straßenbahn schon an ihrer Ausstiegsstelle angekommen war, rettete mich vor weiteren unangenehmen Fragen. Ich fürchte, ich bin nicht das einzige Opfer dieser beiden!
1 Kommentar:
Lustig. was Du für Gschichten erlebst. Da ist das Kürbisfest ja superlangweilig dagegen. Aber Du (und Dein Lieblingsfotograf) bringen es tatsächlich fertig, aus einem fadem Event noch ganz tolle Bilder herauszuholen.Gratuliere auch Dir. Übrigens wäre mir Dein farbenfrohes schillernd gekleidetes Motiv sonst völlig entgangen. Danke!
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